Es ist schon spät am Nachmittag, die Suche nach den Motorrad-Teilen hat recht viel Zeit in Anspruch genommen. Dennoch fahren Hans und ich noch in Richtung Baikal-See. Am Ortsausgang von Irkutsk treffen wir wieder auf den Radfahrer aus der Ukraine. Das Wetter und die Straßen sind hier besser, und deshalb ist auch der Radfahrer besser gelaunt als bei unserem ersten Treffen. Wir erzählen uns gegenseitig unsere Ziele, reden ein wenig und dann gehen wir wieder unsere eigenen Wege.
Der Luftdruck meiner Reifen scheint gefühlsmäßig über die vielen gefahrenen Kilometer stark gesunken zu sein, daher biege ich zu einer Schinomontage (so spricht man das zumindest aus) ab und fülle meine Reifen mit Luft. Besser gesagt, laut Manometer habe ich zuviel Luft drin. Brav passe ich den Luftdruck an und lasse laut Manometer sogar noch ein halbes Bar Luft mehr drin, da die Reifen schon warm sind. (Später soll sich jedoch herausstellen, dass der Manometer vollkommen falsch geeicht ist und ich die kommenden 500 km mit nur 1,2 bar Druck in den Reifen fahren muss.)
Die Strecke von Irkutsk an den Baikalsee verläuft in hügeligem, bewaldetem Gelände und es gibt zur Abwechslung sogar ein paar Kurven! Leider kann man sich nicht wie in der Heimat auf die Kurvenfreude einlassen, denn die russischen Autofahrer überholen auch mutigerweise in unübersichtlichen Kurven oder Straßen-Kuppen. Höchste Vorsicht ist also angesagt. Dennoch kann man einige Schräglagen genießen und so vergehen die knappen 80 km wie im Flug.
An einer Kurve öffnet sich schließlich der Blick auf den Baikal-See und wir halten für ein Foto. Am Straßenrand wird geräucherter Fisch verkauft. Hans ist begeistert vom Geschmack, ich halte mich lieber an meine Kekse.
Es ist schon spät, doch Sonne geht noch lange nicht unter. Am südlichen Ufer queren wir zum östlichen Ufer des Sees. Hier und da gibt es erste Anzeichen von Tourismus. Ich erinnere mich an Zeiten zwischen 1970 und 1980 als meine Eltern mit mir an den Gardasee gefahren sind. Damals gab es noch wenig Touristen am Gardasee, einfache Campingplätze und kleine Hütten. Gar kein Vergleich zum heutigen Tourismus-Wahnsinn. Hier am Baikal-See fühle ich mich in diese Zeit zurück versetzt. In mittlerer Zukunft wird die Tourismusbranche am Baikal-See explodieren. Doch der See ist riesig und es wird sicher lange dauern bis eine westliche Tourismus-Sättigung eintreten wird.
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