An diesem Morgen komme ich gut los und bin zuversichtlich dass ich die doch recht weite Strecke nach Moskau schaffen werde. Die Sonne scheint ausnahmsweise vom wolkenlosen Himmel. Beste Straßen winden sich durch kilometerlange Waldstücke. Es ist kein Kurven-Eldorado nach Moskau, aber das wusste ich ja bereits vorher.
Was soll mich dann also hindern den Abend in Moskau zu verbringen? Ein Buchstabe und eine Ziffer: Die M9. Die ersten Kilometer der M9 auf der russischen Seite sind wirklich prima ausgebaut, man kommt schnell voran. Danach wendet sich das Straßenbild. Straßen wie schweizer Käse, holperig ist noch untertrieben. Die Schlaglöcher von 10-15 cm Tiefe machen nur am Anfang etwas aus, man gewöhnt sich daran. Ein Umfahren ist nicht möglich, dafür gibt es einfach zu viele tiefe Macken im Asphalt. Die BMW Dakar steckt diese Kleinigkeiten locker weg.
Mehr Sorgen machen mir da die größeren Kaliber unter den Schlaglöchern die an manchen Stellen gute 30 cm tief und 1-2 m lang sind. Meist schmal, aber längs zur Fahrtrichtung. In einem solchen Abgrund möchte ich nicht mit dem Vorderrad hängen bleiben. Ein Sturz wäre vermutlich unvermeidbar. Höchste Konzentration ist daher gefragt, mit wachsamen Augen die Schlaglöcher in gut-und-böse zu sortieren, bevor man darüber hinwegfährt. Der Russe scheint das Thema mit Geschwindigkeit zu lösen. Ohne Furcht brettern die Autos an mir vorbei, obwohl ich gute 70km/h fahre. Dafür sieht man auch hier und da mal Fahrzeuge mit Plattfuß am Straßenrand stehen... Ich bleibe bei der vorsichtigen Variante.
Als ich die M9 von der Grenze nach Moskau fahre gibt es auf dieser Strecke zwei Baustellen. Eine davon ist 15 km, die andere ist nur gute 5 km lang, benötigen aber einiges an Zeit den teilweise groben Schotter mit dem entgegen kommenden Verkehr zu teilen.
Neben den gewöhnlichen Löchern im Asphalt gibt es noch eine weitere interessante Variante von Gefahr. Manchmal habe ich den Eindruck dass mir auf gerader Strecke das Vorderrad massiv zur Seite wegrutscht. Nachdem ich das Straßenprofil vom Seitenstreifen aus ansehe liegt die Lösung nahe. Es liegt nicht am Reifen, sondern an den Spurrillen. Diese kann man jedoch nicht mit europäischen Verhältnissen vergleichen. Die Wülste sind an manchen Stellen gerne 10 cm hoch. Das bringt auch die beste Maschine aus der Ruhe. Sobald man die Ursache für das unnormale Ausbrechen gefunden hat kann man sich darauf einstellen und auf einmal machen einem derartige Richtungswechsel nichts mehr aus.
Es wird Nachmittag und ich entschließe mich nach einem Motel zu suchen, denn Moskau ist in unerreichbare Ferne gerückt. Es ist 16 Uhr und ich habe erst 350 km von den 600 km hinter mir. Die andauernde Konzentration um nicht die tiefen Schlaglöcher zu treffen fordern wahnsinnig viel Konzentration und so bin ich nach 8 Stunden Fahrtzeit hundemüde. Leider findet sich jedoch kein Motel und die Dörfer liegen weit auseinander. Ich bleibe auf der M9 und hoffe auf eine Unterkunft. Die Kilometer ziehen sich in die Länge und erst nach weiteren 120 km intensivster Schlaglöcher finde ich ein Motel. Das Zimmer hat leider keine Dusche, die ich mir so gern ernsehnt hatte, doch ich bin einfach zu müde mir noch weitere Kilometer und weitere Sucherei anzutun.
Mein Motorrad darf ich bei den Mechanikern neben dem Motel Nachts in die Werkstatt sperren. Ein wenig komisch ist das schon, denn die Herren interessieren sich intensiv für meine BMW. An das muss man sich auf weiten Reisen jedoch gewöhnen, denn so ein Motorrad bekommen die Mechaniker nicht alle Tage zu sehen... Die Motorrad-Jacke mit den Protektoren wird bestaunt und anprobiert. Wir machen ein gemeinsames Foto und dann vertraue ich meine Maschine den netten Leuten an. Was soll schon schief gehen...
| < Zurück | Weiter > |
|---|





